Das restaurierte Turmuhrwerk der Kirche St. Michael

Ein Zeugnis (nicht nur) der Technikgeschichte

Das alte Uhrwerk von St. Michael, welches zur ursprünglichen Ausstattung der Kirche gehört, wurde im Jahre 1921 von der Recklinghäuser Firma Bernard Vortmann, einem der seinerzeit bedeutendsten Turmuhrenhersteller Deutschlands, gebaut. Nach ca. 70 Betriebsjahren wurde das Uhrwerk Anfang der 1990er Jahre – als nicht mehr reparierungswürdig geltend – im Rahmen einer groß angelegten Kirchenrenovierung stillgelegt, und seine Funktionen wurden durch eine moderne, elektronisch gesteuerte Funkuhr übernommen, wie es dem allgemeinen Zeitgeschmack bzw. Modernisierungswillen entsprach; das alte Uhrwerk verblieb jedoch weiterhin im Turm und führte seither in seinem Bretterverschlag eine Art "Dornröschen-Dasein".

Angeregt durch das neu erwachte Bewusstsein, in dem alten Uhrwerk ein faszinierendes Zeugnis der Technik- und Kirchen(bau)geschichte zu sehen, und ferner aufgrund einer aufschlussreichen Untersuchung durch den Glockensachverständigen des Landeskonservators, Claus Peter, der dem alten Uhrwerk einen besonderen Denkmalwert und sehr guten Erhaltungszustand bescheinigte, wurde das Uhrwerk im November 2007 demontiert und zur Restaurierung in die renommierte Turmuhrenfirma Korfhage (Melle/Osnabrück) verbracht. Es kehrte im Sommer 2008 an seinen angestammten Platz im Turm von St. Michael zurück und wurde dort wieder in Betrieb genommen. Es läuft als vollwertiges Reserveuhrwerk parallel zur beibehaltenen Funkuhr und dient als Anschauungs- und Demonstrationsobjekt bei Turmführungen.

Foto: Jörg Malholfer

Beschreibung

 

Das größtenteils aus Gusseisen und Messing bestehende, mannshohe Uhrwerk steht im zweiten Turmobergeschoss in einem Schrank mit Sichtfenstern mittig an der nördlichen Turmwand.

In dem gusseisernen Gestell des Uhrwerks sind drei Baueinheiten untergebracht: Linksseitig das Stundenschlagwerk, mittig das Geh- bzw. Zeigerwerk und rechtsseitig das Viertelschlagwerk. Ausgehend vom Zeigerwerk verlief die heute nur noch in ihrem unteren Abschnitt vorhandene Zeigerwelle ca. 15 Meter nach oben durch zwei Betonböden des Turms, um schließlich über diverse Umlenk- und Verteilgetriebe durch die Turmaußenwände zu den vier großen Zifferblättern geführt zu werden. Von den beiden Schlagwerken aus führten einst – über einige Umlenkmechanismen – Drahtseile nach oben in die Glockenstube zu den entsprechenden Uhrschlaghämmern an den Glocken.

Angetrieben werden Zeiger-, Stunden- und Viertelschlagwerk durch schwere, an Endlosketten hängende Betongewichte, welche durch einen Bodendurchbruch bis in den darunter liegenden Raum hinabhängen. Diese Gewichte werden um 3, 9, 15 und 21 Uhr durch einen Elektromotor, der sich linksseitig im Uhrengestell befindet, wieder gemeinsam hochgezogen.

Foto: Rolf Schäfer

Gesamtansicht des Uhrwerks. Durch den aufgestemmten Fußboden sind die Endlosketten bzw. die Aufhängestangen der Uhrgewichte geführt. An der Rückseite des Uhrwerks das gerade nach rechts ausgeschwungene Pendel. Zentral an der Vorderseite befindet sich senkrecht die Zeigerwelle, an deren unterem Ende sich über ein Kontrollzifferblatt die aktuelle Uhrzeit ablesen lässt.
(Foto: Rolf Schäfer)


Die drei über jeweils zwei Umlenkrollen geführten Endlosketten werden durch kleine Gegengewichte straffgehalten. Als Gangregler des Uhrwerks fungiert das hinter dem Zeigerwerk befindliche, frei schwingende Pendel, welches in minütlichen Abständen das Zeigerwerk auslöst. Um Gangungenauigkeiten aufgrund von Temperaturschwankungen zu vermeiden und um dem mathematisch idealen" Pendel nahe zu kommen, besteht die Pendelstange aus (leichtem) Holz, im Gegensatz zur schweren, metallenen Pendellinse. Auftretende Längen- bzw. Durchmesseränderungen von Pendelstange und
Pendellinse aufgrund von Temperaturschwankungen gleichen sich gegenseitig bzw. gegenläufig aus.

 

Das Viertelschlagwerk wird über einen Hebelmechanismus aktiviert durch jeweils einen der vier auf dem zentral angebrachten Minutenrad des Zeigerwerks befindlichen Stifte; die erforderliche Anzahl der Viertelschläge wiederum wird angesteuert durch die Einkerbungen auf der sogenannten Schlossscheibe, welche frei sichtbar vor dem Viertelschlagwerk angebracht ist. Über einen weiteren Hebelmechanismus, dessen Ingangsetzung durch die Schlossscheibe des Viertelschlagwerks erfolgt, wird einmal stündlich das Stundenschlagwerk ausgelöst, nachdem das Viertelschlagwerk seine vier Schläge absolviert hat. Die Ansteuerung der Stundenschlaganzahl erfolgt ebenfalls über ein an der Front des Uhrengestells befindliches Schlossrad, das aufgrund der höheren maximalen Schlaganzahl (1 bis 12 Schläge) entsprechend mehr Einkerbungen aufweist als dasjenige des Viertelschlagwerks (1 bis 4 Schläge).

 

Innerhalb von 24 Stunden löst das Viertelschlagwerk 240 Schläge (= 24 x (1+2+3+4)) und das Stundenschlagwerk 156 Schläge (= 2 x (1+2+3+...+9+10+11+12)) aus. Zeiger-, Stundenschlag- und Viertelschlagwerk sind mit sogenannten Windfängen (= rotierende Luftschaufeln) versehen, um die Ablaufgeschwindigkeit des Räderwerks zu hemmen und somit z. B. den zeitlichen Abstand zwischen den Uhrschlägen zu steuern. Die Windfänge für die beiden Schlagwerke befinden sich jeweils an der Rückseite des Uhrwerkgestells, der minütlich rotierende Windfang für das Zeigerwerk ist mittig vorn am Gestell angebracht.



Foto: Rolf Schäfer

 

 

Seitlicher Blick durch das Uhrwerk.
Unten rechts im Vordergrund der Elektromotor für den Gewichtsaufzug, dahinter das Aufzugsgetriebe. Links davon die großen Umlenkrollen für die Gewichtsketten. Links in der Bildmitte das Zahnrad mit den Auslösestiften für den ehemaligen Stundenschlagseilzug.


Foto: Jörg Malhofer

Mittig das Minutenrad mit den Stiften zur Auslösung des Viertelschlagwerks, davor senkrecht die Zeigerwelle, rechts im Hintergrund die Schlossscheibe des Viertelschlagwerks mit den Einkerbungen für den entsprechenden Sperrhebel.

Besonderheiten des Uhrwerks

 

Bei dem alten Uhrwerk der Kirche St. Michael handelt es sich – gemäß Fertigungskatalog der Firma Vort-mann – um die früheste Version einer Turmuhr mit freischwingendem Pendel und automatischem elektri-schen Gewichtsaufzug über Endlosketten, welche in Serie gegangen ist. In Westfalen ist nach Aussage des Glockensachverständigen lediglich noch ein einziges weiteres Uhrwerk bekannt, das mit dem genann-ten System noch an Ort und Stelle in Betrieb ist.
Der automatische Gewichtsaufzug ermöglicht den Dauerbetrieb des Uhrwerks ohne jegliches menschliches Eingreifen über Monate hinweg, da die Gewichte für das Zeiger-, Viertel- und Stundenschlagwerk – an-gesteuert durch das Stundenschlagwerk selbst – in gewissen Zeitabständen durch den im Uhrwerk integ-rierten Elektromotor wieder hochgezogen werden (alle 6 Stunden – um 3, 9, 15 und 21 Uhr). Dabei wer-den die sich unterscheidenden Ablauf-geschwindigkeiten der drei Gewichte durch unterschiedliche Getrie-beübersetzungen wieder ausgeglichen, so dass beim Hochziehen alle drei Gewichte wieder gleichzeitig am oberen Endpunkt ankommen.

 

Durch die Gangregelung des Uhrwerks über ein sogenanntes freischwingendes Pendel, auf dessen quasi doppelte Erfindung im 19. Jahrhundert sowohl die Recklinghäuser Turmuhrenfirma Vortmann als auch die Münchener Firma Mannhardt jeweils ein Patent erhielten, obwohl sich die Konstruktionen nur in Nuancen unterschieden, wird eine besondere Ganggenauigkeit erreicht, da das Pendel vom Zeigerwerk, welches die eigentliche Kraftarbeit verrichtet und dessen Ablaufgeschwindigkeit durch äußere Einflüsse nicht kon-stant sein kann (z. B. durch Schnee oder Vögel auf den Zeigern, Auf- oder Abwärtsbewegung Zeiger, starker Wind etc.), vollkommen entkoppelt ist. 

Fotos: Jörg Malhofer
Foto: Rolf Schäfer

Nach jeweiligem Ablauf einer Minute freien Schwingens löst das Pendel lediglich über einen durch ein kleines Zahnrad weitergedrehten Stift das Zeigerwerk aus, welches dann – durch ein schweres Gewicht angetrieben – die Zeigerwelle um eine Minute weiterdreht und seinerseits dem Pendel über einen Hebel- und Rollenmechanismus einen leichten Energieimpuls zuführt, welcher ausreicht, das Pendel eine weitere Minute vollkommen frei schwingen zu lassen.

Bedingt durch die Bauart des Uhrwerks vernimmt man pro Pendelschwung lediglich ein leises Klicken statt des sonst allgemein bekannten "Tick-Tack"-Geräuschs.
 

Detail von der Rückseite des Uhrwerks:
Der obere Teil der hölzernen Pendelstange mit dem kleinen Zahnrad, welches bei jedem Pendelumschwung um einen Zahn weiterbewegt wird und jeweils nach einer vollständigen Umdrehung - das ist genau nach einer Minute! - über einen mitgedrehten Stift (hier gerade hinter der Pendelstange nach rechts unten zeigend) das Zeigerwerk auslöst
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An dem Pendel lässt sich mittels einer Stellschraube die Ganggenauigkeit des Uhrwerks beeinflussen – sie liegt im Sekundenbereich pro Tag.